Was wäre, wenn Gott eine Göttin wäre? Mit dieser einfachen wie folgenreichen Frage entwickelt das multimediale Theaterstück JedeFrau Salzburgs Jedermann dramaturgisch weiter – und richtet den Blick auf jene, die im Klassiker bislang am Rand standen: die Frauen.
Ein Klassiker wird weitergedacht
Seit über hundert Jahren erzählt Jedermann die Geschichte eines reichen Mannes, der erst im Angesicht des Todes sein Leben hinterfragt. Doch was bedeutet diese späte Einsicht für die Menschen, die er zurücklässt? Die Frauen bleiben Randfiguren – ihr Erleben, ihre Geschichten, haben kaum Gewicht. JedeFrau stellt genau diese in den Mittelpunkt – mit Humor, Themen wie Care-Arbeit, Equal Pay, Gewalt gegen Frauen und digitale Diskriminierung. Schritt für Schritt erkennt Jedermann, dass er nicht nur eine Figur ist – sondern Vertreter eines Systems, das männliche Perspektiven über Jahrhunderte zur Norm gemacht hat.
Göttin statt Gott
Der Ausgangspunkt ist eine Begegnung, die Jedermann aus der Bahn wirft: Vor dem Jüngsten Gericht erscheint ihm nicht Gott, sondern eine Göttin. Er wundert sich: Himmlisches Bordell? Weiber? Nein, Dame! Göttin ist ihr Name! „Jedermann ist völlig irritiert“, lacht Autorin und Göttin-Darstellerin Tanja Kuntze. „Hier beginnt seine Reise des patriarchalen Selbstverständnisses und eine schonungslose Konfrontation mit seinen Lebensrealitäten – mit Frauen, Verschwendung, Machtmissbrauch.“
Aktueller denn je
Weltweit erstarken autoritäre Systeme, und patriarchale Rollenbilder gewinnen wieder an Einfluss: Tradwife-Ideologien, digitale Gewalt, Deepfakes und die wachsende Manosphere zeigen, wie alte Machtstrukturen zurückkehren. Frauen mutieren wieder zum schwächeren Glied. JedeFrau konfrontiert Jedermann damit – als Vertreter dieses Systems. „JedeFrau ist nicht das weibliche Gegenstück zu Jedermann“, erklärt Tanja Kuntze. „Der Name steht für jede Frau: Jede Frau kennt die Themen, die in diesem Multimedia-Theaterstück dargestellt werden – oder war selbst davon betroffen.“
RESPEKT
Die Göttin richtet nicht. Sie hinterfragt – und zeigt Jedermann die Lebensrealitäten jener, die in seiner Welt bislang im Hintergrund standen. Am Ende steht kein Urteil, sondern Verständigung. Die Botschaft des Theaterabends geht über die Frage der Gleichberechtigung hinaus: Respekt – von jedem, für jeden. Es geht um den respektvollen Umgang aller Menschen miteinander – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Alter oder Religion. Damit überwindet JedeFrau gesellschaftliche Gegensätze und stellt den Menschen in den Mittelpunkt.



